«Ypsomed wächst: In Solothurn entsteht ein kleines Technologiezentrum samt Begegnungszone»
18. Oktober 2025, CH-Media, Daniel Vizentini
Neue Fabriken in China, in Deutschland, in den USA – aber auch in Solothurn: Das gesamte Firmenquartier wird erneuert, Geschäftsführer Simon Michel verspricht rund 200 neue Arbeitsstellen. Alles schon in weniger als einem Jahr.

Viel wurde geschrieben in den letzten Monaten über die US-Zölle und die möglichen oder bereits eingetroffenen Auswirkungen auf die Unternehmen im Kanton Solothurn, die Konsequenzen für Wirtschaft und Arbeitsplätze. Inmitten dieser Fülle von Spekulationen und Analysen in den Medien gab es eine Firma, deren Zeichen trotz allem konstant auf Wachstum standen und die sich im Welthandel stets gut positionierte.
Die Rede ist hier von Ypsomed, dem Hersteller von Injektionssystemen für die Selbstmedikation – sogenannten Pens, mit denen sich Personen flüssige Arzneimittel selbst verabreichen können. Deren Nachfrage steigt weltweit immens; nicht nur, seit Abnehmpräparate wie Ozempic teils auch zur Gewichtsreduktion verschrieben werden. Ypsomed stellt die Pens dafür her – aktuell 70 verschiedene, wie Betriebsleiter Beat Aeschlimann bei einem Besuch diese Woche in der Fabrik in Solothurn darlegte. Und es würden laufend mehr, die Firma arbeite ständig an Innovationen, aktuell an über 160 neuen Pen-Varianten.
Der Besuch in Solothurn kam nicht von ungefähr: Nach der Gründung des Unternehmens – damals unter dem Namen Disetronic – vor 41 Jahren in Burgdorf wurde die Firma 2003 aufgespalten: Die Insulinpumpen-Sparte wurde an Roche verkauft, aus der Injektionssparte entstand Ypsomed als neue Firma. Sie zog in Solothurn in die früheren Werkhallen von Autophon respektive Ascom und baute diese zum neuen Produktionsstandort aus.
Nun steht dieser erneut vor einer grossen Veränderung. Berichtet wurde dieses Jahr bereits, dass Ypsomed eine Fabrik in China eröffnet oder die Produktionsanlage im Süddeutschen Schwerin für eine halbe Milliarde Franken ausbaut. Letzte Woche gab das Unternehmen zudem den Entscheid bekannt, auch in den USA eine Fabrik zu gründen.
Das erweckte den Anschein, dass die Schweiz und insbesondere der Standort Solothurn künftig eine untergeordnete Bedeutung haben würden. Dem sei nicht so, stellt Geschäftsführer Simon Michel klar. Denn auch das Werk in Solothurn wird stark ausgebaut und erneuert.
Aufwertung des ganzen Stadtteils
«Wir sprechen zu wenig darüber, was wir hier machen», sagt er. In den nächsten Monaten werden am Standort Solothurn zwei neue Produktionsetagen erstellt, dazu ein neuer Werkzeugbau und ein Hochregallager. Über 200 Millionen Franken werden investiert.
Neue Grossaufträge machen es möglich, dass die Fabrik für die nächsten rund 15 Jahre ausgelastet sein wird. In Solothurn wird im Schichtbetrieb rund um die Uhr produziert. 200 neue Arbeitsplätze werden in den nächsten zwei Jahren schrittweise entstehen. Heute arbeiten rund 800 Personen am Standort Solothurn und 1000 in Burgdorf. 600 weitere arbeiten in Deutschland und China.
In Burgdorf ist vor allem der Bereich Forschung und Entwicklung beheimatet. Es ist quasi der Kopf des Unternehmens. Produziert wird auch dort, aber nur spezifische Pens in kleinen Mengen oder für klinische Studien. 30 Millionen Pens können dort hergestellt werden. In Solothurn sind es heute 100 und werden künftig 250 Millionen pro Jahr sein.
Für die Öffentlichkeit sofort sichtbar wird das neue Forum mit Konferenzzentrum an der Ecke Grenchenstrasse/Ziegelmattstrasse. Es entsteht eine Eventhalle mittlerer Grösse mit Platz für rund 300 Gäste. Solche Orte fehlen in der Stadt, wie Simon Michel sagt. Parteitagungen, Generalversammlungen, kleine Kongresse könnten dort stattfinden. Ein kleines, modern anmutendes Zentrum für die Solothurner Wirtschaft.
Drei Etagen stehen bereits, eine vierte ist vorbereitet, wie bei einer Begehung der Baustelle vor Ort klar wird. Man warte auf die Ortsplanrevision der Stadt, die seit Jahren blockiert ist. Im Untergeschoss soll es ein Filmstudio geben für die Produkt- und Werbevideos der Firma, virtuelle Medienkonferenzen oder Mitarbeiterinformationen.
Simon Michel spricht von einem künftigen «Ypsomed Square». Das Erscheinungsbild wird stark verändert: Die alten Gebäude erhalten neue Fassaden, die Ziegelmattstrasse wird zur verkehrsberuhigten Tempo-20-Begegnungszone mit hellem Stein statt Asphalt, Sitzgelegenheiten, Bäumen und Begrünung. Parkiert wird nicht mehr auf der Strasse, sondern künftig nur noch im neu erstellten Parkhaus. Die Zone wird sichtbar aufgewertet.
«Das kann man sich noch gar nicht vorstellen»
Das alles ist noch Zukunftsmusik. Aber diese Zukunft naht: In weniger als drei Monaten soll zum Beispiel die neue Werkzeugfabrik bereits laufen. Bei der Führung vor Ort ist derzeit nur die leere Halle zu sehen, die von den Bauarbeitern für den Einbau der Anlage vorbereitet wird. Zuvor war dort die Produktion von Pen-Nadeln untergebracht, die letztes Jahr veräussert wurde.
«Im Januar wird hier Metall gefräst, das kann man sich noch gar nicht vorstellen», sagt Simon Michel. Als Werkzeuge werden die grossen Metallteile bezeichnet, die als Formen für den Kunststoffspritzguss der Millionen von Einzelteilen für die Herstellung von Pens genutzt werden. Das seien hochkomplexe Konstruktionen mit mehreren Hundert Einzelteilen. «Das ist enorm viel Wissen hier, das ist hohe Kunst.» Dieses Wissen werde auch künftig in der Schweiz entwickelt und behalten, nebst in Burgdorf neu auch in Solothurn. Die Nähe zur Produktion der Pens sei wichtig, nur schon für die Wartung.
Den Satz, «das kann man sich noch gar nicht vorstellen», wird Simon Michel noch einige Male sagen, während er die Fabrik in Solothurn von innen zeigt. Vor der Begehung müssen aber einige Hygienevorkehrungen gemacht werden: Strassenschuhe werden umhüllt, ein weisser Schutzkittel deckt die Kleidung vom Hals bis unter die Knie ab, Haare und Bärte werden mit Netzen abgedeckt. Die Hände müssen gewaschen werden.
In der Fabrik riecht es nach Reinigungsmitteln. Immer wieder hört man das Kunststoffgranulat aus den grossen Silos durch Rohre in die Maschinen hineinrutschen. Das Granulat wird geschmolzen, bei 180 Grad Temperatur in den Maschinen zu den Einzelteilen für die Pens geformt und rasch abgekühlt. Je nach Grösse der Maschine entstehen bei jedem Vorgang 16 bis 128 Einzelteile. Für einen Pen sind 12 Teile nötig. Die Montage der Pens geschieht vollautomatisch. Pro Produktionsetage sind es rund 20 Millionen Pens jährlich. Die beiden neuen Etagen, die nun gebaut werden, sollen gemeinsam weitere 60 Millionen produzieren können.
Simon Michel beobachtet die Maschinen genau und sichtlich auch mit Freude. «Wir sind stolz darauf, was wir in den letzten zehn Jahren erreicht haben», sagt er. Der FDP-Nationalrat hat 2014 die Geschäftsführung von Ypsomed von seinem Vater Willy übernommen. Simon war damals 37 Jahre alt, heute ist er 48.
Keine Angst vor Kopien
Wo heute noch ein Lagerraum ist, werden künftig Produktionsmaschinen stehen. Auch eine der geplanten Etagen der Fabrik ist noch in Bau. Ziel ist, die Produktion bis zum Ende dieses Jahrzehnts zu verdreifachen. Nicht nur in Solothurn, sondern insgesamt an allen Standorten.
Eine Milliarde Injektionssysteme sollen dann im Jahr hergestellt werden können. Etwa die Hälfte davon in Deutschland, ein Viertel in der Schweiz, das restliche Viertel in China und den USA. Die Idee der vielen Standorte sei, die Kunden vor Ort zu bedienen. «Wird werden regional, aus verschiedenen Gründen», erklärt Simon Michel.
Einer sei die Nachhaltigkeit: Indem die leeren Pens aus Europa durch die halbe Welt zu den Pharmafirmen versandt werden, wo sie mit den Medikamenten befüllt werden, «verschicken wir unglaublich viel Luft». 18 Prozent des CO₂-Ausstosses von Ypsomed komme vom Transport. «Wenn wir auf Netto-Null gehen wollen, müssen wir näher zu den Kunden.»
Auch Geopolitik spiele eine Rolle: «China verlangt eine Produktion vor Ort, wenn wir langfristig im Markt bleiben wollen.» Dadurch könnten auch mögliche Plagiate verhindert werden. Der weltweit einzige Mitkonkurrent sei zudem in Taiwan beheimatet, das nicht nach Festlandchina exportieren kann. Ypsomed übernimmt deshalb die Herstellung von Pens für China.
Hat Ypsomed denn keine Angst vor Kopien? «Wir halten über 1600 Patente. Die ersten laufen 2032 aus. Und wir investieren konstant in neue, bessere Pen-Modelle», winkt Simon Michel ab. «Aber wir müssen stetig auf der Hut sein, denn der Markt ist attraktiv.» Ypsomed und der Mitbewerber aus Taiwan decken gemeinsam rund 90 Prozent des Weltmarkts ab. Ohne grosse Aufträge kämen neue Konkurrenten fast nicht in den Markt hinein. Erst ab grossen Mengen könne man auch günstig herstellen.
Nicht wegen der Zölle in den USA
Der Gang in die USA sei derweil schon vor drei Jahren geplant gewesen und habe direkt nichts mit den Zöllen zu tun, erklärt er. Ypsomed bezieht dort eine bereits vorgebaute Halle. «Da ziehen wird jetzt mit unserer Fabrik ein. Das ist nicht ganz günstig, aber dafür gewinnen wir Zeit.»
Ypsomed ist weltweit marktführend und profitiert aktuell «von enorm viel Rückenwind», wie Simon Michel sagt. Viele neue Medikamente werden heute gespritzt statt geschluckt. Dazu steigt der Trend mit den Präparaten zum Abnehmen. «Wir beliefern auch die Hersteller von Generika, dadurch wächst unser Markt enorm.»
Die Medtech im Kanton Solothurn, ein Erbe der Uhrenindustrie, der Präzisionsarbeit, bleibt also weltweit stark gefragt. Aber: «Wir müssen viel investieren, um an der Spitze zu bleiben», sagt Simon Michel.