«Wettbewerbsfähig bleiben» – Editorial in der Solothurner Zeitung

27. Februar 2026, Solothurner Zeitung, Simon Michel

Editorial von Simon Michel in der Solothurner Zeitung vom 27. Februar 2026.

Warum Solothurn auf Innovation, Fachkräfte und offene Märkte angewiesen ist

Der Kanton Solothurn ist – wie die Schweiz insgesamt – stark vom globalen Wettbewerbsumfeld abhängig. Die neuen US-Zölle, der Mangel an Arbeitskräften, der schwächelnde deutsche Absatzmarkt und neuer Wettbewerb aus China zählen für viele Unternehmen zu den grössten Herausforderungen. Die USA, China, aber auch die neuen Handelspartner in Indien und Lateinamerika erwarten zunehmend lokale Wertschöpfung.

Der Aufbau von Produktionen im Ausland ist aber nicht per se schlecht für uns. Solange die Entwicklung, die Finanzen und die Planung in Solothurn respektive in der Schweiz bleiben, wird auch künftig der Grossteil der Unternehmenssteuern hier anfallen. Über Transferpreismodelle können Gewinne zurück in die Schweiz geholt werden, da hier bei uns entwickelt und im Ausland «bloss» produziert wird. So entstehen bei uns Steuereinnahmen, ohne dass die Infrastruktur zusätzlich belastet wird.

Damit das so bleibt, müssen wir grosse Sorge zum Entwicklungsstandort tragen, den Unternehmen keine weiteren Steine in den Weg legen und konsequent in Aus- und Weiterbildung investieren. Unsere Fachhochschulen und neue Angebote wie der Campus Technik in Grenchen sind dabei enorm wichtig und verdienen unsere Unterstützung. Ebenso zentral ist die Personenfreizügigkeit mit der EU: Wenn wir benötigte Expertinnen und Experten im Inland nicht finden, müssen wir sie im Ausland rekrutieren können. Diese Möglichkeit müssen wir unbedingt schützen.

Deshalb auch ein klares Nein zur Chaos-Initiative der SVP im Juni, die unser Land bei zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern abriegeln will. Diese Initiative ist äusserst gefährlich für unsere Gesellschaft und unseren Wohlstand. Es würden nicht nur Pflegefachkräfte in Spitälern, Serviceangestellte in Gastronomie und Tourismus, Bauarbeiter und Erntehelfer fehlen, sondern eben auch Mitarbeitende in der Industrie, in der Forschung und in der Entwicklung. Solange die Wirtschaft ausreichend gut ausgebildete Fachkräfte im In- und Ausland findet, wird sie zögern, Entwicklungsstandorte im Ausland aufzubauen.

Gleichzeitig dürfen wir uns auf dem Erreichten nicht ausruhen und müssen bereit sein, mehr zu leisten. Denn Mittelmass ist der Anfang vom Ende. In China wird nicht nur rund um die Uhr produziert, sondern auch rund um die Uhr entwickelt. Wir müssen deshalb auch in der Schweiz schneller werden und allenfalls neue Arbeitsmodelle – auch für Bürojobs – ausprobieren, wenn wir nicht überholt werden wollen. Wir sagen gerne, die Schweiz sei die Nummer 1 in der Innovation. Das stimmt pro Kopf, aber nicht absolut. Schweizerinnen und Schweizer haben im letzten Jahr im In- und Ausland rund 20 000 Patente angemeldet, davon aber nur rund 1500 in der Schweiz. Die Mehrheit entfiel auf die Medizin-, Mess- und Fördertechnik sowie die Pharmabranche. In China wurden im gleichen Zeitraum über 1,8 Millionen neue Erfindungen eingereicht.

Neben geopolitischen Entwicklungen, auf die wir als Kanton und Land nur begrenzt Einfluss haben, sollten wir vermeiden, uns das Leben in der Schweiz selbst noch zusätzlich zu erschweren. Ich würde es deshalb begrüssen, wenn die bürgerlichen Parteien – und dazu zähle ich auch die Mitte – spätestens nach der Klärung der Zuwanderungs- und EU-Frage wieder verstärkt zusammenarbeiten würden. Denn wenn wir die Rahmenbedingungen für die Unternehmen verbessern, steigt auch das BIP pro Kopf. Damit können wir absolut mehr umverteilen und weniger privilegierte Menschen in unserer Gesellschaft gezielt unterstützen. Mit allen Mitteln müssen wir verhindern, dass immer mehr vom bestehenden Kuchen abgezwackt wird. Sonst bleibt am Ende zu wenig, um den Motor am Laufen zu halten – mit der Folge von Schliessungen und Abwanderungen von Arbeitgebern, wie wir sie in den vergangenen Jahren in unserem Kanton leider immer wieder erlebt haben.