«Schweiz und EU: Simon Michel will es wie Christoph Blocher machen – einfach andersrum»

20. Oktober 2025, NZZ, Matthias Venetz

Die Delegierten des Freisinns haben sich am Samstag für die neuen EU-Verträge ausgesprochen, jetzt will der Solothurner Unternehmer und Politiker das ganze Land von seiner «Mission» überzeugen.

Bildlegende: Peter Schneider / Keystone

Simon Michel gewann in dem Moment, als er aufgegeben hatte. Am Samstag trat er kurz vor der zweiten Abstimmung vor die Delegierten der FDP. Scheinbar spontan – und zum Entsetzen einiger Mitstreiter –sprach er sich für eine Abstimmung zu den EU-Verträgen mit Ständemehr aus. Dasselbe Ständemehr hatte er zuvor leidenschaftlich bekämpft. Es war ein Zugeständnis an die Gegenspieler in seiner eigenen Partei. Und weil sich Michel vor ihnen bewegt hatte, war es in gewisser Weise auch ein Sieg über sie.

Als Michel sagte, die Partei gewinne «nur gemeinsam», zog Filippo Leutenegger, Wortführer der EU-Kritiker in der Partei, nach und streckte Michel die Hand zum Friedensgruss entgegen. Am Ende sprachen sich die Delegierten der FDP für die neuen EU-Verträge aus und gegen das Ständemehr. Genau so, wie Michel es in den Wochen zuvor wollte.

Simon Michel, 48, Solothurner FDP-Nationalrat, CEO des Medtech-Unternehmens Ypsomed, Vorstandsmitglied von Economiesuisse, ist zugleich Reiz- und Galionsfigur. Weil Unternehmer wie er, die sich in der Politik engagieren, selbst im Freisinn eine Rarität geworden sind, ist Michel für europafreundliche Kreise ein Hoffnungsträger. Kritiker hingegen halten ihn für einen prototypischen Euro-Turbo. Täglich kontert Michel in den sozialen Netzwerken Beiträge von EU-Kritikern, so, als könnte er die Abstimmung in seinem Feed entscheiden. Er selbst sagt, von der EU halte er wenig, aber die Schweiz brauche stabile Verhältnisse mit ihr.

Durch seine Dauerpräsenz löst Michel Abwehrreflexe aus. Umso mehr, als kaum ein anderes Thema in der FDP – und ebenso in der Schweiz – zu ähnlichen Verwerfungen führt wie die Europapolitik. Für ein Land, das Stabilität zur Staatsräson erhoben hat, können sie zur Zerreissprobe werden. Doch für sendungsbewusste Politiker eröffnen sie seltene Gelegenheiten.

Vor dreissig Jahren gewann Christoph Blocher die Abstimmung über den EWR und begründete in der europakritischen Schweiz dadurch seinen Status als Volkstribun. Michel hat die Ereignisse von damals genau studiert und gerät ins Schwärmen, wenn er über den grössten EU-Kritiker der Schweiz spricht: Blocher habe damals sämtliche Zufälle ausgeschaltet, sein «Schlachtplan» suche in der Schweizer Geschichte seinesgleichen. «Daraus sollte man einen Harvard-Business-Case machen, der an jeder Universität gelehrt wird.»

Diesen «Business-Case» will Simon Michel nun adaptieren. Er sagt, man müsse «Marktumfragen» durchführen, diese ganz genau analysieren und schauen, «was die Leute beschäftigt». Die Erkenntnisse will er in «ganz wenige, einfache Botschaften» verpacken. «Die Leute wollen eine Story, einen Weg, auf den sie sich selbst begeben können.»

Christoph Blocher ist das vor dreissig Jahren gelungen. Blocher ist ein Unternehmer, der Politiker wurde. Genau wie Michel. Doch die EWR-Abstimmung hat Blocher nicht durch Studien gewonnen, sondern durch sein Gespür für eidgenössische Befindlichkeiten.

Europa als Rinderbrust

An einem Freitagnachmittag im August öffnet Michel die Tür zu seiner Villa in der Stadt Solothurn. Er hat langjährige Freunde aus der Studentenverbindung Zofingia zum «gemütlichen Grillabend» eingeladen. Die Gäste treffen erst in vier Stunden ein, doch seine Vorbereitungen haben schon am Vormittag begonnen.

In der Küche bindet sich Michel einen Schurz um und referiert wie ein Fernsehkoch über das Menu. Es gibt «Brisket», also Rinderbrust nach amerikanischer Art. Dieses Fleisch, sagt Michel, sei durchzogen und zäh, deshalb müsse es bei niedriger Temperatur über lange Zeit im Smoker garen. Zwischendurch müsse man es aus dem Ofen holen und mit Bier und Brühe «einwrappen», damit es nicht austrockne. Der Timer auf Michels Natel läuft bereits.

Brisket gehört zur «Heiligen Dreifaltigkeit» des amerikanischen Barbecue, es erfordert vom Grillmeister viel Zuwendung, Kompetenz und ein gutes Sensorium. Wenn nötig, muss er neue Scheite nachlegen. So gesehen, ist Michels Barbecue eine Chiffre für den Abstimmungskampf zu den EU-Verträgen. Doch Michels Smoker wird mit Pellets betrieben, er kann die Hitze per Knopfdruck regulieren.

In den vergangenen Monaten gab es kaum ein europapolitisches Podium, auf dem Michel fehlte. Tatsächlich wundern sich viele, woher er als Nationalrat und CEO eines Unternehmens mit 2000 Mitarbeitern die Zeit dafür nimmt. Michels Antwort lautet «Zeitmanagement». Vor Jahren schilderte er in einem Interview seinen klassischen Tagesablauf: «Acht bis zehn Stunden Arbeit für Ypsomed, drei Stunden für Ernährung, Haushalt und Hygiene, sechs Stunden Schlaf. Bleiben fünf bis sieben Stunden für Familie, Mandate und Politik.»

Michel sagt von sich, dass er «etwas Pedantisches» habe. Ordnung gebe ihm Sicherheit und ermögliche ihm eine Struktur. Er ist ein Unternehmer, der Effizienz nicht bloss predigt, sondern internalisiert hat. Selbst der Grillabend mit seinen Verbindungskollegen ist bis morgens um halb eins durchgeplant.

Plötzlich vibriert Michels Natel (das Brisket!). Er eilt hinaus in den Garten, holt das Fleisch und wickelt es in «butcher paper». Dann leckt er die Marinade von seinen Fingern. Das Brisket kommt gut.

Let me entertain you

Mitte August trifft sich die FDP des Kantons Solothurn in Biberist zur Delegiertenversammlung. Die Hitze drückt auf den Kreislauf, am Tagungsort, einer ehemaligen Fabrikhalle, gibt es keine Lüftung, und auf dem Programm stehen Meinungsbeiträge zu den neuen EU-Verträgen. Michel, der hier als «üse Simon» angekündigt wird, soll erst eine «möglichst neutrale Einführung» halten und dann die Position der Befürworter referieren.

Das Geschäft, sagt Michel auf der Bühne, habe viele Namen. Einige zählt er auf: «Rahmenverträge, Bilaterale III». Dann verstellt er seine Stimme wie ein Geschichtenerzähler und sagt tief aus dem Zwerchfell heraus: «der Unterwerfungsvertraaag». Offiziell – wieder in seiner natürlichen Stimme – heisse das Geschäft aber «Stabilisierungspaket». Und genau darum gehe es.

Der Auftritt vor den Solothurner Delegierten ist für Michel eine erste Möglichkeit, sein Repertoire für kommende Auftritte zu erproben. Immer wieder versucht er, die Komplexität des Dossiers auf europapolitische Gleichnisse herunterzubrechen.

Irgendwann hält Michel einen Teddybären in die Luft, ein Werbegeschenk seiner Firma. Der Teddybär müsse in der Schweiz über hundert Tests durchlaufen, bevor er zugelassen werde. «Wenn ein Auge abreisst, könnten es Kinder verschlucken und daran ersticken.» Bei einem Nein zu den Verträgen müsste der Hersteller des Teddys diese Tests im europäischen Ausland wiederholen, wenn der Teddy auch dort verschenkt werden solle. Michel erhält erste Lacher. Politik als Entertainment.

Die Pointe hinter diesem Beispiel hat Michel in letzter Zeit wöchentlich auf Podien wiederholt: Die EU-Verträge regelten bloss Handelshemmnisse, es gehe um Produktanerkennungen, Normen und darum, diese Hürden für Unternehmen abzubauen. «Die Wirtschaft will keine Schweizer Sonderregelungen in diesen Dingen, bitte, bitte nicht!» Und wenn es doch einmal eine relevante Frage gebe, könne man immer noch das Referendum ergreifen. «Doch bis heute hat mir kein SVPler ein entsprechendes Beispiel liefern können, nicht ein einziges.»

Politiker und «Patron»

Ganz hinten im Saal sitzt an diesem Abend auch Kurt Fluri, ehemaliger FDP-Nationalrat und langjähriger Stadtpräsident von Solothurn. Während einer Pause rezensiert er Michels Auftritt. Fluri sagt, anders als Michel soeben würde er selbst nie sagen, dass man das Ständemehr aus taktischen Gründen ablehne. Zudem würde er auch nicht «so leidenschaftlich wie Michel, sondern eher staatsrechtlich» dagegen argumentieren. Als Unternehmer habe Michel in dieser Frage «Eigeninteressen», deshalb müsste er vermehrt betonen, «dass seine Interessen deckungsgleich mit jenen des Landes sind».

Im Nationalrat fällt die Kritik an Michel pointierter aus. Franziska Roth, sozialdemokratische Ständerätin aus dem Kanton Solothurn, sagt, sie schätze an Michel, dass man immer wisse, woran man bei ihm sei. Allerdings zeige er wenig Interesse am Kompromiss. «Er übersieht oft auch, dass man in der Schweiz nicht Politik machen kann wie ein Patron.»

Aus dem europakritischen Lager der FDP-Fraktion heisst es, Michels «mediale Sololäufe» gäben «zu reden». Vergangene Woche kritisierte er einen europakritischen Gastbeitrag von Altbundesrat und Parteikollege Johann Schneider-Ammann in der NZZ. Michel schrieb, wer Schneider-Ammann kenne, wisse, dass er gar nicht so denke und aus gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr so schreiben könne. Später löschte er seinen Post und entschuldigte sich bei Schneider-Ammann.

Gerhard Pfister, ehemaliger Mitte-Präsident und ebenso wie Michel Mitglied der Aussenpolitischen Kommission, sagt, es gebe im Land immer wieder Leute mit «Doppelbegabungen», die sich in der Unternehmenswelt und in der Politik bewährten. So wie Christoph Blocher. «Simon Michel gehört nicht dazu.» Er verkenne, dass in der Wirtschaft «andere Mechanismen» griffen als in der Politik. «Im Staat gibt es eine diffundierte Verantwortung, es schnorred alli mit.»

Simon Michel hingegen sagte jüngst: «Ich hoffe, dass alle Politikerinnen und Politiker in der Schweiz ein unternehmerisches Gen haben.» Er selbst richte sich im Bundeshaus jedenfalls nach denselben Werten wie in seinem Konferenzzimmer in Solothurn.

Wenn Michel die Geschichte des EWR wirklich genau studiert hat, weiss er, dass der Mythos Blocher weder im Bundeshaus noch in Konferenzsälen entstanden ist. Sondern in den Turn- und Mehrzweckhallen der ländlichen Deutschschweiz. Dort muss sich Michel beweisen. Der Abstimmungskampf endet in frühestens zwei Jahren.

Der Timer läuft.