«Mit Kritik allein regiert man kein Land» – Gastkommentar in der Solothurner Zeitung
16. Oktober 2026, Solothurner Zeitung, Gastkommentar Simon Michel
Der Unternehmer und Politiker argumentiert, dass politische Energie zunehmend dazu verwendet wird, um die Behörden mit Detailfragen lahmzulegen. Damit werden weder Schulen gebaut noch Jobs geschaffen, gibt Simon Michel zu bedenken.

Manchmal frage ich mich, ob wir in der Schweiz noch miteinander diskutieren oder nur noch aufeinander einreden. Wer am lautesten ruft, erhält Aufmerksamkeit. Wer differenziert, gilt als schwach. Und wer Verantwortung übernimmt, macht sich angreifbar. Da ist es natürlich bequemer, einfach dagegen zu sein.
Unsere politische Landschaft verändert sich. 1999 erreichte die SVP 22,5 Prozent der Wählerstimmen, 2023 waren es 27,9 Prozent. Die FDP fiel im gleichen Zeitraum von 19,9 auf 14,3 Prozent. Die damalige CVP erreichte 15,9 Prozent, die heutige Mitte 14,1 Prozent. Links sieht es differenzierter aus: Die SP verlor von 22,5 auf 18,3 Prozent, während die Grünen von rund 5 auf 9,8 Prozent zulegten.
Nicht jede Verschiebung bedeutet automatisch mehr Extremismus. Aber die politische Kultur verändert sich. Die Pole werden lauter, die Forderungen radikaler und die Bereitschaft, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, nimmt ab.
Das gilt für links wie rechts. Links präsentiert gelegentlich Forderungen, bei denen die Finanzierung offensichtlich zweitrangig ist. Rechts werden komplexe Herausforderungen gerne mit einfachen Parolen beantwortet. Aktuell beobachte ich vor allem auf dieser Seite eine zunehmend destruktive politische Haltung.
Dabei muss man gar nicht nach Bern schauen. Auch im Kanton erleben wir, wie politische Energie zunehmend darauf verwendet wird, Behörden mit immer neuen Vorstössen, Detailfragen und administrativen Aufträgen zu beschäftigen. Natürlich ist die Kontrolle der Regierung eine Aufgabe des Parlaments. Aber wenn Vorstösse vor allem Aufmerksamkeit erzeugen sollen, statt relevante Probleme zu lösen, läuft etwas falsch. Jede Stunde, die unsere Verwaltung mit politischer Selbstinszenierung verbringt, fehlt anderswo.
Ein Blick nach Deutschland sollte uns ebenfalls beschäftigen. Die AfD erreichte bei der Bundestagswahl 2025 20,8 Prozent. Wollen wir eine solche Entwicklung auch bei uns? Brauchen wir irgendwann eine «Alternative für die Schweiz»? Eine Politik, die hauptsächlich von Empörung, Abgrenzung und gegenseitiger Verachtung lebt? Ich hoffe nicht!
Ich bin Unternehmer und Politiker. Als Unternehmer weiss ich: Wer ständig erklärt, weshalb etwas nicht funktioniert, aber selber nichts zustande bringt, hat ein Problem. Ein Unternehmen wird nicht erfolgreich, indem seine Führung möglichst viele kritische Fragen stellt. Irgendwann muss jemand entscheiden, handeln und die Konsequenzen tragen. Auch wenn es unbequem wird.
Genau das erwarte ich auch von der Politik.
Wir dürfen und sollen hart diskutieren. Unterschiedliche Meinungen sind die Grundlage unserer Demokratie. Aber am Ende müssen Lösungen entstehen. Unsere Gemeinden brauchen gute Schulen, sichere Quartiere und bezahlbaren Wohnraum. Unsere Kantone brauchen solide Finanzen, eine effiziente Gesundheitsversorgung und attraktive Arbeitsplätze. Und unser Bund muss die grossen Fragen lösen: Verteidigung, Energieversorgung, Altersvorsorge, Zuwanderung und unser Verhältnis zu Europa. Das alles verlangt Arbeit, Sachkenntnis und Verantwortung. Mit Empörung und politischen Schlagzeilen allein ist nichts davon zu erreichen.
Dazu brauchen wir verantwortungsbewusste Parteien, die bereit sind, zusammenzuarbeiten und Kompromisse einzugehen. Kräfte, die nicht bloss Probleme bewirtschaften, sondern sie lösen wollen. Die unsere Institutionen respektieren und stärken, statt deren Glaubwürdigkeit ständig zu untergraben. Und die bereit sind, für ihre Entscheidungen geradezustehen.
Verantwortung ist anstrengend. Sie verlangt Sachkenntnis, Mut und die Bereitschaft, auch einmal Kritik einzustecken. Alles zu kritisieren ist wesentlich einfacher. Dafür gibt es Schlagzeilen und manchmal sogar zusätzliche Wählerstimmen. Aber davon wird keine Schule gebaut, kein Arbeitsplatz geschaffen und kein einziges Problem gelöst.
Die Schweiz braucht mehr Menschen, die Verantwortung übernehmen. Denn wer nur verhindert, bewegt nichts.