«Mehr Vertrag als Hellebarde: Die Moral aus der Geschichte und was die Schlacht bei Marignano damit zu tun hat»
12. Juni 2026, Solothurner Zeitung, Gastkommentar Simon Michel
Simon Michel, FDP-Nationalrat, Unternehmer und Gastautor argumentiert, warum es nicht ein «historisches Igelkostüm» war, das die Schweiz zum Erfolg führte, und wo die Gefahr der Romantik liegt.

Bildquelle: Anthony Anex / Keystone
Wenn die SVP wieder einmal über Europa spricht, ist Morgarten meist nicht weit. Dann wird die Schlacht vom 15. November 1315 aus dem nationalen Fundus geholt wie ein altes Armeemesser: Schwyzer und Waldstätter gegen Herzog Leopold von Habsburg, Freiheit gegen fremde Herren, Hellebarde gegen Hochmut. Die Botschaft ist einfach und politisch praktisch: Wir brauchen niemanden. Wir lassen uns nicht knechten. Wir waren schon immer am besten, wenn wir allein im Wald standen und von oben Steine rollten.
Nur ist Geschichte selten so bequem wie ein Wahlplakat. Morgarten war wichtig, gewiss. Nach dem Sieg schlossen Uri, Schwyz und Unterwalden am 9. Dezember 1315 in Brunnen einen neuen Bund. Das stärkte den inneren Zusammenhalt. Aber die Schlacht war auch ein regionaler Konflikt um Rechte und Einfluss. Die Quellenlage ist dünn, vieles wurde später ausgeschmückt. Aus einer blutigen Auseinandersetzung wurde ein Mythos mit Fahne und Nebelmaschine.
Noch spannender für die Schweiz von heute ist deshalb ein anderes Datum: der 13. und 14. September 1515. Bei Marignano, südöstlich von Mailand, trafen die Eidgenossen auf die Armee des jungen französischen Königs Franz I. Es war keine kleine Prügelei, sondern ein Massaker. 10’000 eidgenössische Söldner starben. Danach war Schluss mit eidgenössischer Expansionspolitik. Die Schweiz lernte auf dem Schlachtfeld, dass Mut allein keine Aussenpolitik ersetzt.
Der entscheidende Punkt ist aber, was danach geschah. Am 29. November 1516 schlossen die Eidgenossen mit Frankreich in Freiburg den «Ewigen Frieden». Man verzichtete auf gegenseitige Feindseligkeit, regelte Streitigkeiten künftig schiedsgerichtlich, erneuerte Handelsprivilegien und öffnete den Weg für eine neue aussenpolitische Orientierung. Kurz gesagt: Nach dem Lärm der Kanonen kam die leise, aber wirksamere Kunst des Vertrags.
Vielleicht liegt genau hier die modernere Schweizer Lektion. Nicht: Wir gegen alle. Sondern: Wir mit anderen, aber auf eigene Rechnung. Die Schweiz wurde nicht reich, weil sie sich ein historisches Igelkostüm nähte. Sie wurde erfolgreich, weil sie mit Nachbarn Handel trieb, Abkommen schloss, Kompromisse fand und Verträge einhielt. Vom Freihandelsabkommen mit der EWG 1972 bis zu den Bilateralen I von 1999, die 2000 vom Volk angenommen und 2002 in Kraft gesetzt wurden, zieht sich diese Linie weiter.
Natürlich sind Verträge weniger heroisch als Schlachten. Niemand malt Wandbilder von Beamten, die Kommata in ein Abkommen setzen. Kein Kind spielt auf dem Pausenplatz «gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen». Aber genau darin liegt die Stärke: Verträge verhindern, dass aus Interessen Konflikte werden. Sie sind die zivilisierte Form der Hellebarde.
An Morgarten darf man sich erinnern. Aber man sollte dort nicht stehen bleiben. Wer aus der Geschichte nur den Schlachtruf mitnimmt, verpasst die Pointe. Die Schweiz hat sich nicht dadurch behauptet, dass sie keine Nachbarn brauchte. Sie hat sich dadurch behauptet, dass sie mit ihren Nachbarn umgehen konnte: selbstbewusst, nüchtern, manchmal störrisch, aber am Ende vertragstreu. Vielleicht ist das weniger romantisch. Aber es ist deutlich schweizerischer.