«Wenn Vertrauen bröckelt, wankt die Demokratie» – Kolumne in der Solothurner Zeitung

4. Oktober 2025, Solothurner Zeitung, Simon Michel

Gastkommentar von Simon Michel in der Solothurner Zeitung vom 4. Oktober 2025.

Bildlegende: Anthony Anex / Keystone

FDP-Nationalrat Simon Michel stellt in seinem Gastbeitragfest, dass das Vertrauen in die schweizerischen Institutionen stetig abnimmt. Politische Entscheide verlieren an Legitimität und Reformen geraten ins Stocken. Doch er sieht auch einen Weg, wie das Vertrauen wiederhergestellt werden kann.

Das Vertrauen in die Institutionen bildet das Fundament einer funktionierenden Demokratie. Unter Institutionen versteht man die dauerhaften Regeln, Organisationen und Strukturen, durch die ein Staat funktioniert. Dazu gehören die politischen Institutionen: Das Parlament, die Regierung, die Gerichte, die Verwaltung und die Armee – sowie die Rechtsinstitutionen: Die Verfassung, die Gesetze, aber auch Grundrechte und Eigentumsschutz. Wenn das Vertrauen in die Institutionen bröckelt, gerät der Staat ins Wanken.

Auch in der Schweiz, wo das Vertrauen traditionell höher liegt als in anderen Ländern, sind Risse sichtbar. Dem Bundesrat vertrauen gemäss OECD Trust Survey noch rund 62 Prozent, dem Parlament knapp unter 60 Prozent, den Parteien nur noch rund 38 Prozent. Die Zahlen liegen im OECD-Vergleich zwar noch darüber – doch die Tendenz zeigt nach unten.

Warum ist das so? Zum einen hat die Corona-Pandemie deutlich gemacht, wie hoch die Erwartungen an den Staat sind – und wie scharf die Kritik ausfällt, wenn er diese Erwartungen nicht erfüllen kann. Zum anderen wachsen die Zweifel, ob die Institutionen den komplexen Herausforderungen unserer Zeit noch gewachsen sind: Energieversorgung, geopolitische Spannungen, Migration, künstliche Intelligenz. Hinzu kommt die Wahrnehmung von Intransparenz, langen Verfahren und vermeintlich überforderter Verwaltung, was mit der Verschärfung des Bundesgesetzes über die politischen Rechte 2018 noch verschärft wurde. Denn der Bundesrat darf nicht mehr laut für seine Geschäfte werben. Nicht wenige Bürgerinnen und Bürger fühlen sich deshalb von der Politik entfremdet.

Auch die Informationsflut spielt eine Rolle: In einer digitalisierten Medienwelt prallen Fakten, Meinungen und Desinformationen ungefiltert aufeinander. Institutionelle Stimmen wirken da oft schwach, während Skepsis und Misstrauen schneller wachsen. Vertrauen ist jedoch verletzlich. Es lässt sich nicht per Gesetz verordnen, sondern entsteht aus Erfahrung – aus dem Gefühl, dass die staatlichen Institutionen verlässlich, transparent und fair handeln.

Die Folgen eines schwindenden Vertrauens sind gravierend. Politische Entscheide verlieren an Legitimität, Reformen geraten ins Stocken, die Kompromissfähigkeit unserer Demokratie erodiert. Wenn der Glaube an die Handlungsfähigkeit des Staates nachlässt, gewinnen Polarisierung und populistische Vereinfachungen an Boden. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sei es in Form von freiwilligem Engagement oder schlicht der Akzeptanz demokratischer Spielregeln.

Doch Resignation wäre die falsche Antwort. Vertrauen kann zurückgewonnen werden – durch nachvollziehbare Entscheidungen, durch eine faktenbasierte und transparente Kommunikation und durch das ernsthafte Bemühen, Versprechen einzuhalten. Politik muss wieder stärker durch Taten überzeugen, nicht nur durch Worte. Die Verwaltung muss beweisen, dass sie modern, effizient und bürgernah agiert. Und wir alle müssen uns bewusst machen, dass Demokratie keine Zuschauerdisziplin ist.