«Freiheit: Ein Gut, das immer wieder neu verhandelt werden muss» – Kolumne in der Solothurner Zeitung
2. August 2025, Solothurner Zeitung, Simon Michel
Gastkommentar von Simon Michel in der Solothurner Zeitung vom 2. August 2025.

Bildlegende: Anthony Anex / Keystone
Freiheit ist nie nur die Abwesenheit von Zwang, sie ist auch die Fähigkeit, freiwillig nach Regeln zu leben, Verantwortung zu übernehmen und offen zu sein. Freiheit lebt von Regeln, die fair und transparent sind, und von einem Staat, der nicht lähmt, sondern ermöglicht und seinen Bürgerinnen und Bürgern möglichst viel Verantwortung überträgt.
Ein Blick in andere Kulturen: Um das Konzept der Freiheit besser verstehen zu können, lohnt es sich, über die Landesgrenzen hinauszublicken. In den USA ist Freiheit eng mit Individualismus und dem Recht auf Eigenverantwortung verknüpft. Diese Haltung inspiriert, führt aber auch zu Spannungen, wenn Gemeinschaftsaufgaben wie die Gesundheitsversorgung ungelöst bleiben.
In China hingegen herrscht eine kollektive Vorstellung von Freiheit – ein System, in dem die Gemeinschaft höher gewichtet wird als individuelle Selbstbestimmung. Und Europa sucht, oft mühsam, den Ausgleich zwischen beidem: sozialen Sicherheiten und individuellen Rechten.
Und obschon wir in Europa durch alle Bevölkerungsschichten hindurch wahrscheinlich mehr Freiheiten haben als andere Länder, fühlen sich viele als Opfer von Gesellschaft und Politik. Dieses schwindende Vertrauen in unsere Institutionen erachte ich als gefährlich.
Spielregeln einhalten: Den Wunsch nach Freiheit scheinen die meisten Menschen zu hegen. Freiheit verspricht Selbstbestimmung, Sorglosigkeit und Zufriedenheit. Aber wie weit geht «frei sein»? – Tun und machen zu können, was man will, ohne Regeln und Anwesenheit von Staat. Selbstbestimmt, unabhängig und am liebsten völlig autark?
Dieses libertäre Bild der Freiheit ist zu romantisch. Natürlich brauchen wir Regeln und natürlich sind wir abhängig von Dritten. Das macht uns aber nicht zwingend weniger frei. Es sind Spielregeln, die wir uns bewusst auferlegen und an die wir uns halten. Im Rahmen dieser können wir uns frei bewegen. Aufpassen müssen wir, wenn die Politik zu viel regeln will.
Verantwortung übernehmen: Nach der britischen Denkfabrik Legatum Institute steht die Schweiz auf Rang 3 in Bezug auf die persönliche Freiheit, hinter Dänemark und Norwegen. Die Schweiz gilt weltweit als ein Vorzeigebeispiel für Freiheit und Selbstbestimmung.
Ein Hauptgrund, scheint mir, ist, dass wir Freiheit immer auch mit Verantwortung verbunden haben. Wir sind uns bewusst, dass unsere individuelle Freiheit nur dann gewährleistet werden kann, wenn wir auch um das Gesamtwohl der ganzen Gesellschaft besorgt sind. Ganz nach John Stuart Mill Mitte des vorletzten Jahrhunderts: «Die einzige Freiheit besteht darin, unser eigenes Wohl auf unsere eigene Art zu suchen, solange wir dabei nicht die Absicht hegen, andere ihrer Freiheit zu berauben.»
Tun zu können, was man will, ohne dabei andere zu stören, zu verletzen. Das verlangt ein hohes Mass an Selbstdisziplin, Toleranz und eben Verantwortung. Eigenverantwortung, damit der Staat nicht mehr absichern und regulieren muss.
Unser Föderalismus, unsere direkte Demokratie und unser liberaler Arbeitsmarkt sind Ausdruck einer Gesellschaft, die Vertrauen in uns Bürgerinnen und Bürger hat und die uns eben Verantwortung übertragen hat.
Offen bleiben: Freiheit hat auch viel mit Offenheit zu tun. Wir dürfen uns als Land nicht abschotten, müssen international offenbleiben, möglichst viele neue Partnerschaften eingehen und bestehende ausbauen. Als Liberaler bin ich zutiefst überzeugt, dass Offenheit für die Schweiz überlebenswichtig ist. Offenheit gegenüber Innovation, Veränderungen, neuen Denkweisen. Mut, um neue Wege zu gehen, aus den ausgetretenen Pfaden herauszutreten und Fortschritt als Chance und nicht als Gefahr zu sehen.
Das führt zu mehr Wohlstand für alle und steigert unsere Resilienz – die Fähigkeit, mit veränderten Lebensumständen umgehen und sich ihnen anpassen zu können, ohne Rückschritte zu machen. Diese Offenheit steigert automatisch die persönliche und allgemeine Freiheit, weil sie mehr Optionen für heute und die Zukunft ermöglicht.
Für ein gesundes Mass an Spielregeln, mehr Eigenverantwortung und Offenheit!