«Der einfachste Weg» – Kolumne in der Solothurner Zeitung

6. Februar 2026, Solothurner Zeitung, Simon Michel

Gastkommentar von Simon Michel in der Solothurner Zeitung vom 6. Februar 2026.

Bildlegende: Keystone

Letzte Woche hatten wir bei Ypsomed die jährlichen Budgetgespräche. Das sind immer zähe, Energie kostende und ermüdende Tage. Die Kostenstellenverantwortlichen präsentierten ihre Pläne für das neue Geschäftsjahr, welches bei uns jeweils am 1. April beginnt. Und die Geschäftsleitung muss entscheiden, welche Gelder freigegeben werden und welche nicht. Im Vorfeld definieren wir gemeinsam klare Ziele, welche auf die Abteilungen heruntergebrochen werden.

Natürlich können wir nie alles freigeben, was gewünscht wird. Und damit machen wir uns auch immer wieder unbeliebt – dessen bin ich mir bewusst. Neue Projekte werden gestrichen, obschon sie spannend wären. Stellen werden nicht bewilligt, obschon das Team Unterstützung bräuchte. Sollen eher die Kantine saniert, mehr Elektro-Anschlüsse für die Autos der Mitarbeitenden installiert oder neue Produktplattformen entwickelt werden?

Der einfachste Weg wäre, alle Budgetwünsche freizugeben und dann regelmässig den Preis unserer Produkte um 5 Prozent zu erhöhen. Die Patienten brauchen unsere Pens ja sowieso, sie müssen sie von uns kaufen – also weshalb sparen?

Nun, weil es uns dazu zwingt, die wichtigsten Hebel zu finden, unsere Prozesse zu hinterfragen, Alternativen zu entwickeln, effizienter und besser zu werden. Weil wir damit wettbewerbsfähig und für unsere Kunden langfristig attraktiv bleiben. Auch unsere Mitarbeitenden spüren, dass es wichtig ist, jeden Kundenfranken so zielgerichtet wie möglich einzusetzen.

Deshalb verstehe ich nicht, weshalb wir nicht den gleichen Anspruch an den Steuerfranken haben. Weshalb die Stadt Solothurn sich nicht das gleiche Ziel auf die Fahne schreibt. Den Steuerfranken maximal wirksam einzusetzen – und mit den verfügbaren Einnahmen zu arbeiten.

Als Beispiel: Es wurde verpasst, die Grundlagen für eine Steigerung des Steuersubstrats zu schaffen. Im Städtebau wird auf nicht produktive Investitionen fokussiert wie neuen Kreiseln, den Post- und Friedhofsplätzen oder aufwendige Instandhaltungen mit einem ROI (Return on Invest) von über 50 Jahren, wie dem Landhaus. Bei den Renovationen der Schulen verpasst man es, harte Investitionsvorgaben zu machen. Eine Missachtung aller betriebswirtschaftlichen Grundregeln und Kapitalrentabilitätsregeln. Architekten und anderen Leistungserbringern müssen auf Kennzahlen basierende, verbindliche Vorgaben gemacht werden. Sonst werden ihre Projekte nicht umgesetzt.

Ich bin der Meinung, eine Stadt sollte sich als Minimalziel ein ausgeglichenes Budget setzen. Als Maximalziel einen Gewinn, damit sie Steuern und Gebühren für alle senken kann. Das zahlt sich langfristig aus.

Weshalb präsentiert die Stadt uns also einen Verlust? Meine Beurteilung: Weil es der einfachste Weg ist. Wenn man für so ein Amt gewählt wird, muss man sich bewusst sein, dass man sich manchmal auch unbeliebt machen muss. Mein gut gemeinter Appell an das Präsidium der Stadt Solothurn: Führen Sie und Ihr Team mit Zahlen und zeigen Sie Profil, machen Sie sich unbeliebt und unterstützen Sie einen härteren finanzpolitischen Weg. Denn es ist das Geld der Steuerzahlenden, für welches Sie verantwortlich sind. Es wird uns und Ihnen langfristig zugutekommen. Denn jetzt passiert genau das, was viele vorausgesagt haben: «Sie kommt und erhöht die Steuern.» – Die gute Nachricht: Sie haben die Möglichkeit, es zu korrigieren, indem Sie im nächsten Jahr nicht den einfachsten Weg wählen.