«Es wurde immer klarer, dass wir in China lokal produzieren müssen»
28. März 2026, NZZ, Matthias Kamp
Die chinesische Regierung drängt ausländische Unternehmen dazu, ihre Waren in China zu fertigen. Andernfalls, so wird versteckt signalisiert, könnten diese bei Ausschreibungen benachteiligt werden.

Bildquelle: Hanspeter Bärtschi / ch-Media
Den Entscheid, in China eine Fabrik zu bauen, traf Simon Michel nicht ganz freiwillig. Zwar wollte der Ypsomed-CEO mit seinen Produkten näher an die Kunden heran, unter anderem, um sich den teuren Transport der Produkte nach China zu sparen.
Dann forderten die chinesischen Behörden auf einmal, dass der Konzern aus Burgdorf seine Injektionssysteme in China fertigt. Andernfalls, so die versteckte Botschaft, könnte Ypsomed bei Ausschreibungen in China benachteiligt werden. «Es wurde immer klarer, dass wir in China lokal produzieren müssen», sagt Michel. Wenn man als Pharmafirma nur importiere, werde man in China benachteiligt.
Ypsomed nahm 150 Millionen Franken in die Hand
Es ist eine Strategie, die die Regierung bei immer mehr ausländischen Unternehmen anwendet. Das Ziel: Die Firmen sollen in China Arbeitsplätze und Forschungskapazitäten schaffen.
Also nahm Ypsomed 150 Millionen Franken in die Hand und zog in Changzhou nicht weit von Schanghai eine Fabrik hoch. Im vergangenen Sommer eröffnete das Unternehmen die Anlage. Simon Michel reiste zur feierlichen Einweihung an.
Ypsomed ist neben einem Hersteller aus Taiwan das weltweit führende Unternehmen seiner Branche, und China ist einer der Schlüsselmärkte. 11 Prozent seines Umsatzes von zuletzt knapp 750 Millionen Franken erwirtschaftet Ypsomed im Reich der Mitte. Michel erwartet, dass der Anteil in den nächsten Jahren auf 15 Prozent steigen wird.
Das Unternehmen profitiert von den grossen Trends der Medizin. Patienten können sich immer mehr Medikamente selbst spritzen. Michel formuliert es so: «Die Medikamente gehen von den Spitälern nach Hause.»
Der Honigtopf zieht Bienen an
Doch wie Ypsomed Branchenführer zu sein, kann in China tückisch sein. Schon seit Jahren beobachten chinesische Firmen den Hersteller aus der Schweiz. Manche von ihnen versuchen, die Pens aus Schweizer Entwicklung nachzubauen. Michel wundert das nicht. «Wir sind ein Honigtopf, und da ziehen wir natürlich Bienen an», sagt der Ypsomed-Chef.
Mehr als zwanzig chinesische Firmen haben schon versucht, die Ypsomed-Produkte nachzubauen. Die meisten von ihnen hätten die Qualität und Präzision des Schweizer Originals nicht hinbekommen. Drei oder vier der Wettbewerber seien allerdings «richtig gut», erzählt Michel. Das Problem für Ypsomed: Die chinesischen Hersteller verkaufen ihre Pens zum Teil deutlich günstiger.
Ypsomed steht mit seinen Problemen im China-Geschäft längst nicht allein da. Der zunehmende Druck durch chinesische Wettbewerber ist inzwischen die grösste Herausforderung für Schweizer Unternehmen in China. Das zeigt der jüngste «Swiss Business in China Survey», den die Hochschule St. Gallen und Swiss Centers im Januar vorgelegt haben.
Ein dramatisch verändertes Marktumfeld
«Innerhalb von nur drei Jahren haben sich Schweizer Firmen in einem dramatisch veränderten Marktumfeld wiedergefunden», heisst es in der Untersuchung. Die Unternehmen konkurrierten auf einmal mit chinesischen Privatfirmen, die die Qualitäts- und Technologielücken zu ausländischen Firmen schnell schlössen.
Fast 90 Prozent aller befragten Firmen gaben bei der Ende vergangenen Jahres durchgeführten Umfrage an, der schärfere Wettbewerb sei die grösste Herausforderung im China-Geschäft. Zwei Jahre zuvor hatte der Anteil bei nur 55 Prozent gelegen.
Auf Platz zwei der Herausforderungen der Firmen rangiert die nachlassende wirtschaftliche Dynamik. Die heimische Nachfrage ist schwach, auch weil Chinas Unternehmen in zahlreichen Branchen Überkapazitäten aufgebaut haben. Die Produzentenpreise befinden sich seit fast drei Jahren im Sinkflug. Das drückt auf die Margen der Firmen, was wiederum die Investitionsbereitschaft bremst. Der «Swiss Business in China Survey» spricht von einem «Preiskrieg in vielen Branchen».
Kurzfristig rechnen Schweizer Firmen deshalb mit sinkenden Umsätzen und Gewinnen im China-Geschäft. Über einen Zeithorizont von fünf Jahren erwarten die Unternehmen allerdings wieder Zuwächse. Doch wer weiss schon, in welcher Verfassung die chinesische Wirtschaft in fünf Jahren ist.
Simon Michel blickt noch zufrieden auf den Geschäftsverlauf in China; Umsatz und Gewinn wachsen stabil. «Wir haben noch sehr viel Zulauf, weil viele unserer Kunden das Original wollen», sagt der Ypsomed-Chef. Der Schweizer Konzern verkauft in China ausschliesslich an Hersteller von Medikamenten.
Michel hat einen neuen Plan in der Schublade
Doch Michel macht sich keine Illusionen. Wenn die chinesischen Konkurrenten in einigen Jahren reifer geworden seien, könnten die chinesischen Kunden ihre Pens bei diesen beziehen.
Michel hat darum bereits einen neuen Plan in der Schublade: Er will das China-Geschäft weiter lokalisieren. Darum hat das Unternehmen gleich neben der neuen Fabrik in Changzhou ein weiteres Stück Land gekauft. Dort könne Ypsomed eine weitere Fabrik bauen. «Das muss keine Produktionsanlage nach deutscher oder Schweizer Manier sein», sagt Michel.
In den Hallen sollen dann chinesische Maschinen stehen, und das Management will der Ypsomed-CEO mit Chinesinnen und Chinesen besetzen. Es ist wohl der einzige Weg, um gegen die lokalen Wettbewerber mit ihren qualitativ immer besseren Produkten zu bestehen.
Michel fordert eine Charmeoffensive von China
Für Ypsomed gewinnt das China-Geschäft immer mehr an Bedeutung. Auch deshalb macht sich der Chef für eine Erweiterung des Freihandelsabkommens (FTA) zwischen der Schweiz und China stark, welches 2014 in Kraft trat. Michel sitzt für die FDP im Nationalrat und gehört der aussenpolitischen Kommission des Parlaments an.
Derzeit verhandeln die beiden Länder über das sogenannte Upgrade des FTA. Läuft alles nach Plan, könnten Peking und Bern die Neufassung in diesem Jahr verabschieden. Michel hält es für sehr wahrscheinlich, dass eine solche Erweiterung des Abkommens vors Volk kommen wird. Dass es dort besteht, ist keinesfalls sicher. Schliesslich hat Chinas Image in der Schweiz in den vergangenen Jahren stark gelitten.
Simon Michel, der sich ein Upgrade des FTA wünscht, glaubt, dass China dies zumindest zum Teil selbst verschuldet hat. «China muss in der Schweiz jetzt eine Charmeoffensive starten», sagt der Ypsomed-CEO. So könne die chinesische Regierung ihr Land zum Beispiel in der Schweiz als Touristenziel anpreisen. Schliesslich habe China hier viel zu bieten.
Der Politiker und Unternehmer Michel will mit Blick auf eine Neufassung des Freihandelsabkommens mit China kein Risiko eingehen. «Wir sollten dem Upgrade nur zustimmen, wenn wir sicher sein können, dass es vor dem Volk besteht.»